Der Hammer, die Zigarre und die Spritze im Rücken

Wie ein Selbstversuch die Spinalanästhesie veränderte – und warum am Ende sogar ein Hammer zum Einsatz kam

💬 Keine Lust zu lesen? Die ganze Geschichte gibt’s auch als Comic →

Ein deutscher Chirurg wollte 1898 beweisen, dass man nur die untere Körperhälfte betäuben kann – und testete die Idee kurzerhand an sich selbst und seinem Assistenten.

Kiel. August 1898.

Stell dir vor, dein Chef kommt morgens ins Büro und sagt:

„Heute probieren wir etwas völlig Neues aus.“

Du fragst: „An wem denn?“

Er schaut dich an. Dann auf sich selbst.

Und antwortet: „An uns.“

Genau so begann eine der verrücktesten Geschichten der Medizingeschichte.

Die Idee war eigentlich genial

Damals suchten Ärztinnen und Ärzte nach einer Möglichkeit, Patienten schmerzfrei zu operieren, ohne sie komplett in Vollnarkose zu versetzen.

Die Frage war: Kann man nur die untere Körperhälfte betäuben?

Heute kennen wir das als Spinalanästhesie.

Damals wusste niemand, ob das überhaupt funktionieren würde.

Ein mutiger Chirurg

Der Mann hinter der Idee hieß August Bier.

Ein deutscher Chirurg. Neugierig. Hartnäckig. Und offenbar ziemlich schmerzunempfindlich.

Er wollte das neue Verfahren nicht zuerst an Patienten ausprobieren.

Sondern an sich selbst.

Der Plan

Bier setzte sich hin.

Sein Assistent August Hildebrandt sollte ihm eine Hohlnadel zwischen zwei Lendenwirbel schieben, bis sie den sogenannten Liquorraum erreichte.

Heute wäre das ein Routineeingriff.

Damals war es völliges Neuland.

Allein die Vorstellung sorgte für Herzklopfen.

Dann passierte etwas Unerwartetes

Die Nadel saß.

Doch plötzlich lief Liquor aus.

Immer mehr.

Bier befürchtete, dass der Versuch nicht mehr richtig ausgewertet werden konnte.

Also traf er eine spontane Entscheidung:

„Dann tauschen wir.“

Jetzt sollte der Assistent die Spinalanästhesie bekommen.

Und Bier übernahm die Nadel.

Ab jetzt wurde es wirklich verrückt

Die Betäubung schien zu wirken.

Aber woher wollten sie wissen, ob sie tatsächlich funktionierte?

Heute würden wir vorsichtig testen, ob jemand Wärme oder Berührung spürt.

1898 dachte man etwas … praktischer.

Der wissenschaftlich vermutlich ungewöhnlichste Test aller Zeiten

Zuerst kneiften sie in die Beine.

Keine Reaktion.

Dann stachen sie mit einer Nadel.

Immer noch nichts.

Also steigerten sie sich.

  • Sie schlugen mit einem Hammer auf das Schienbein.
  • Sie zogen kräftig an den Beinen.
  • Sie drückten eine glühende Zigarre auf die Haut.
  • Und ja: Sie zogen sogar kräftig an den Hoden.

Auch das hielt der Assistent erstaunlich gelassen aus.

Heute würde vermutlich jede Ethikkommission Schnappatmung bekommen. Damals war genau das ernst gemeinte wissenschaftliche Forschung.

Hat das wirklich funktioniert?

Ja.

Der Assistent spürte die Schmerzen nicht.

Die Spinalanästhesie funktionierte.

Zum ersten Mal war gezeigt worden, dass man den unteren Teil des Körpers gezielt betäuben konnte, während der Patient wach blieb.

Eine medizinische Sensation.

Ganz ohne Folgen blieb das nicht

Am nächsten Tag bekam August Bier heftige Kopfschmerzen.

Nicht ein bisschen Kopfschmerzen.

Sondern so starke, dass er kaum aufstehen konnte.

Heute wissen wir warum.

Durch das Loch in der Rückenmarkshaut konnte etwas Liquor austreten. Dadurch sank der Druck der Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark normalerweise schützt.

Das nennt man heute einen postpunktionellen Kopfschmerz.

Fast jede Anästhesistin und jeder Anästhesist kennt dieses Risiko.

Damals wusste das noch niemand.

Bier beschrieb seine Beschwerden später selbst ganz genau – und half damit, diese Nebenwirkung überhaupt erst zu verstehen.

Warum war dieser Selbstversuch so wichtig?

Weil aus einer verrückten Idee eine der wichtigsten Methoden der modernen Anästhesie wurde.

Heute werden weltweit täglich Tausende Spinalanästhesien durchgeführt.

Zum Beispiel bei:

  • 👶 Kaiserschnitten,
  • 🦵 Knie- und Hüftoperationen,
  • 🩺 Eingriffen an Beinen oder Unterbauch.

Viele Patientinnen und Patienten können dabei sogar mit ihrem Behandlungsteam sprechen, ohne Schmerzen zu haben.

Würde man so etwas heute noch machen?

Ganz klar: nein.

Zum Glück.

Heute müssen neue Verfahren sorgfältig geprüft werden.

Dazu gehören:

  • Ethikkommissionen,
  • Studienprotokolle,
  • Sicherheitsvorgaben,
  • eine genaue Risiko-Nutzen-Abwägung.

Selbstversuche sind heute die absolute Ausnahme.

Und das ist auch gut so.

Wusstest du schon? 💡

Der Assistent August Hildebrandt schrieb später selbst über den Versuch.

Er berichtete erstaunlich nüchtern, welche Tests durchgeführt wurden.

Was heute unglaublich klingt, war damals ernst gemeinte Wissenschaft.

Dank dieser detaillierten Aufzeichnungen wissen wir heute so genau, wie die erste Spinalanästhesie ablief.

Mythos oder Wahrheit?

Mythos: Die Spinalanästhesie wurde zuerst ganz normal an Patienten ausprobiert.

Wahrheit: Einer der berühmtesten ersten Versuche fand an August Bier und seinem Assistenten August Hildebrandt statt.

Sie testeten das Verfahren zunächst an sich selbst – mit Methoden, die heute kaum noch vorstellbar sind.

Traumarzt-Merksatz: Manchmal beginnt medizinischer Fortschritt mit einer mutigen Idee. Zum Glück braucht es heute dafür keine Hämmer und keine Selbstversuche mehr.

Unser Fazit

Als August Bier 1898 beschloss, eine neue Betäubungsmethode an sich selbst auszuprobieren, ahnte er wahrscheinlich nicht, dass daraus einmal ein Standardverfahren der modernen Medizin werden würde.

Die erste Spinalanästhesie war mutig.

Ein bisschen verrückt.

Und aus heutiger Sicht stellenweise kaum zu glauben.

Doch sie zeigte, dass große Fortschritte manchmal dort beginnen, wo jemand bereit ist, Neuland zu betreten.

Heute profitieren jedes Jahr Millionen Menschen von dieser Idee – unter sicheren Bedingungen, mit moderner Technik und deutlich sanfteren Testmethoden.

Zum Glück.

Die Geschichte als Comic 🎬

Der Selbstversuch am Rücken – noch einmal zum Anschauen und Schmunzeln:

Comic: Die Geschichte von der Spinalen

Quellen

  • Bier A. Versuche über Cocainisierung des Rückenmarkes. Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 1899;51:361–369.
  • Hildebrandt A. Zeitgenössische Beschreibung des Selbstversuchs, veröffentlicht zusammen mit August Biers Arbeit.
  • Greene NM. History of Spinal Anesthesia. Baltimore: Williams & Wilkins.
  • The Evolution of Anaesthesia.
  • Miller RD et al. Miller’s Anesthesia. Kapitel zur Geschichte der Regionalanästhesie.
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner